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Faltenreich 16-03-2019

Peter Gregshammer, Charlotte Gregshammer, Maria und Franz Vogt Autor: Die Redaktion



„Faltenreich"
Miteinander lustvoll schrullig werden oder bleiben im „Faltenreich"!

Vor ca. zwei Jahren traf sich in Obersdorf erstmals eine ca. 10-köpfige Gruppe - alle älter als 50 - um über Wohnformen im Alter zu diskutieren. Wir begannen über unsere Wünsche und Vorstellungen im nahenden Ruhestand zu sprechen. Das Thema "Wohnen" spielte dabei eine zentrale Rolle.

Was geschah seither:
• wir trafen uns ca. 10x und es kamen immer wieder neue "junge Alte" dazu und andere klinkten sich wieder aus
wir wurden uns über unsere Potentiale klar, die in uns stecken
die Treffen waren immer extrem lustig - mit Tränen vom vielen Lachen
wir besuchten das Wohnprojekt Sargfabrik (der Name war nicht Programm!)
wir erarbeiteten eine umfangreiche Fragenliste ? die oben erwähnte Liste wurde befüllt. Die Antworten zeigten Übereinstimmung aber auch Differenzen

Gemeinsamkeiten sind:

Wohneinheiten sollen kein Eigentum sein ("Besitz besitzt einen")
unsere Kinder sind nicht unsere PflegerInnen
von einem Mehrgenerationenmodell (mit fixem Anteil an Alten) haben alle etwas
Lösungen sollen soziokratisch erarbeitet werden
miteinander das Leben gestalten, wenn man will (Sport, Kultur, Gärtnern, soziales Engagement, Musizieren und Singen, Werken, Urlaube, ...)
wir wollen alle rund um Wolkersdorf bleiben - für eine Gemeinde hat es nur Vorteile, wenn die "Alten" möglichst lange selbstständig und selbstbestimmt leben können. Eine Gemeinde, die diese Lebensform fördert, spart nicht nur aufwendige Betreuungskosten, sondern gewinnt auch an Vielfalt im gesellschaftlichen Leben.

Die letzte große Wende im Leben
Erfahrungen anderer Projekte sagen, dass das rechtzeitige Weitergeben von Eigentum und das frei sein von Besitz befreiend sind. Radikale Schnitte sind sicher für Menschen leichter, die schon oft Abschied nehmen mussten, für Sammlernaturen hingegen weniger.

Zusammenfassung unserer Wünsche
Ein Haus für uns, zusammen Leben im Alter. Immer beschäftigen wir uns mit diesem Gedanken... wäre es nun aber da, das Haus, das Traumhaus? Es hätte Garten, der keine aufwendige Gartenarbeit erfordert, wäre im Grünen, Wald- und Wassernähe, doch nicht zu weit von belebter Stadt, Kino, Theater, alles mit S-Bahn-Verbindung. Jede/r hätte natürlich eine eigene Wohneinheit, zwei Räume, wie die meisten wünschen, Küche, Dusche,... Gemeinschaftsräume brauchen wir, das Mittwochturnen muss bleiben, und feiern wollen wir auch öfter. Ach ja, fast alle Wohnungen sollten natürlich im Parterre liegen, sonst Aufzug. Das Haus soll kein Hochhaus sein, modern, dass ja, aber auch alt und gemütlich. Es ist ein ruhiges Haus und voller Leben, denn wir möchten, dass auch junge Familien mit Kindern und Katzen und Hunden dort wohnen. Ich hätte ja gern noch ein Schwimmbad im Keller oder Garten, schwimmen ist so gesund im Alter. Schade, dass wir zunächst nur in Wunschträumen schwimmen, da ein paar Zugeständnisse machen, auf einiges vielleicht doch verzichten, es könnte etwas daraus werden. Vielleicht nicht traumhaft schön, aber menschlich gut.*

Wenn wir Ihr Interesse geweckt haben:
Peter Gregshammer, E-Mail: reparadtour@gmx.at    

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* Quelle: „Umzug in ein neues Leben“ S 159

Literaturtipps:
• Umzug in ein neues Leben (Wohnalternativen für die zweite Lebenshälfte), Dörte Fuchs, Jutta Orth, mvg Verlag, 2003
• Sieben Stock Dorf (Wohnexperimente für eine bessere Zukunft), Barbara Nothegger, Residenz Verlag, 2017





Unser Wasser... 16-03-2019

Christian Schrefel und Rainer Weißhaidinger Autor: Die Redaktion



Unser Wasser - Unsere Zukunft

Trinkwasser ist das Grundnahrungsmittel Nummer eins. Um unser Trinkwasser aus Grundwasserkörpern langfristig zu sichern, ist der konsequente Grundwasserschutz, den die EU in der Wasserrahmenrichtlinie einfordert, besonders wichtig. Der WUI ist das Thema Wolkersdorfer Trinkwasserschutz ein besonderes Anliegen. Beispiele im In- und Ausland zeigen, dass dieser gemeinsam mit den Bauern, der so genannte kooperative Grundwasserschutz, vorzüglich funktionieren kann.

Denn eines ist klar, die Grenzwerte in Bezug auf Nitrat können aktuell in vielen landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten nur mit teuren Aufbereitungsanlagen erreicht werden. Pestizide, die in der Landwirtschaft, privat oder auch von Verkehrsunternehmen wie der ÖBB sowie von der öffentlichen Hand eingesetzt werden, werden immer öfter in den Trink- und Grundwasserkörpern festgestellt. Die Diskussion, ab welcher Konzentration unterschiedliche Pestizide „gefährlich" werden, ist müßig. Die Forschung weiß relativ wenig über das Risiko von hormonell aktiven oder krebserregenden oder fruchtbarkeitsschädigenden Wirkungen von solchen Stoffen. Es gilt hier daher ganz besonders auch das Vorsorgeprinzip für den Trinkwasserschutz zu beherzigen und selbst vermeintlich kleinen Risiken keinen Raum zu lassen. Hier geht es nicht nur um die Umwelt, sondern vielmehr um die Gesundheit aller, und vor allem jener der Kinder und der zukünftigen Generationen. Und es gilt unterschiedliche Lösungswege gleichzeitig zu gehen.

Um der Problemlage technisch Herr zu werden, hat die Stadtgemeinde Wolkersdorf eine Aufbereitungsanlage im Brunnenfeld mit Kosten von über eineinhalb Millionen Euro gebaut. Die Anlage wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten dafür sorgen, dass den WolkersdorferInnen ein technisch sauberes Wasser zur Verfügung steht. Die angezapften Grundwasserkörper sind jedoch nicht sauber und es deutet kein Trend darauf hin, dass sich das ändern wird. Höhere Temperaturen in der Zukunft und mögliche Niederschlagsrückgänge sowie in der Folge eine geringere Verdünnungswirkung machen die Situation auch nicht besser.
Neben dem Blick auf die gesetzlich vorgeschriebene Qualität des Wassers aus dem Wasserhahn, sollten wir ebenso auf die Verbesserung der Qualität des Grundwassers schauen. Und dies nicht nur, weil es das „böse" Brüssel über die Wasserrahmenrichtlinie vorschreibt, sondern weil es wirtschaftlich und ökologisch Sinn macht. Seit Jahren argumentieren wir von der WUI für intensivere Vorkehrungen bezüglich unseres Trinkwassers. Die Berücksichtigung dieser Ideen fand im Wasserverband aus unserer Sicht in den letzten beiden Jahren verstärkt statt. Die von der WUI lange eingemahnte Auseinandersetzung mit den Grundwasserkörpern hat begonnen.

Doch was sind unsere Vorstellungen für eine langfristige Absicherung der Wasserqualität? Ganz einfach: Kooperativer Grundwasserschutz im Einzugsgebiet der Brunnen! Um das Grundwasser für künftige Generationen wieder ohne Aufbereitung nutzbar zu machen, brauchen wir in den Einzugsgebieten - nicht nur in den Wasserschutzgebieten! - der Brunnen eine besonders grundwasserverträgliche Bodennutzung. Dies betrifft nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch private Nutzungen. Hier müssen besonders intensive Formen der Landwirtschaft über die gesetzlichen Richtlinien und ÖPUL-Anforderungen* hinaus auf freiwilliger Basis eingeschränkt werden. Eine wesentliche Reduktion im Einsatz von Düngern und Pflanzenschutzmitteln ist anzusteuern. Für wirtschaftliche Nachteile, die den Bauern entstehen, bestehen Möglichkeiten des Ausgleichs - auch für einen Wasserverband, der den KundInnen langfristig ein sauberes Trinkwasser zur Verfügung stellen möchte.


Warum ist hier die Rolle des Wasserverbands und der Gemeinden wichtig?
Weil die Landwirte - möglicherweise abgesehen von ein paar schwarzen Schafen - in ihrer aktuellen Bewirtschaftung nicht ungesetzlich handeln und wirtschaftlichen Zwängen unterliegen, die sie nicht einfach umgehen können. Wir alle, der Wasserverband und die beiden Gemeinden (Wolkersdorf und Pillichsdorf) müssen mit den Landwirten einen gemeinsamen, kooperativen Trinkwasserschutz betreiben. Solche Kooperation zwischen dem Wasserversorger und den Landwirten ist vielerorts praktisch realisiert, zum Beispiel in manchen Gegenden in Oberösterreich (Zirking), in Bayern (Hallertau) oder der Schweiz (Klettgau). Hier gilt es mit Bauern ernsthafte, partnerschaftliche und für die Bewohner dringend nötige Lösungen zu erarbeiten.


Auf Bauernseite braucht es aufgeschlossene Vorreiter und Vertreter, die sich auch aus der zum Teil eingenommen Opferrolle herausbegeben. Diese Kooperationen sind je nach Standortverhältnissen und Grundwasserströmungen zu entwickeln und mittels privatrechtlicher Verträge und Vereinbarungen zu regeln. Ergänzend werden Fachberater hinzugezogen, wie es beispielsweise bei der Oberösterreichischen Boden- und Wasserschutzberatung seit vielen Jahren praktiziert wird. Auf Einladung der WUI hat deren Geschäftsführer, Thomas Wallner, 2015 die in Oberösterreich bereits getätigten, interessanten Schritte vorgestellt. Gerade diese Beispiele zeigen auch einen Ausweg aus einer Entfremdung zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung auf. Landwirtschaft und Gesellschaft brauchen sich gegenseitig! Doch auf welchen Landwirtschaftsflächen müssen wir den Trinkwasserschutz vorantreiben? Wir wissen es schlichtweg nicht, nur so ungefähr von wo es kommen könnte. Vergessen Sie auch das Märchen, dass die Poysdorfer am schlechten Grundwasser in Wolkersdorf schuld sind. Erst mit dem genauen Wissen zu Grundwasserleitern und Grundwasserneubildung (Verweilzeit) im gesamten unterirdischen Einzugsgebiet/-bereich der Brunnen lässt sich kooperativer Grundwasserschutz/Trinkwasserschutz betreiben. Dafür müssen die zuständigen Stellen, wie etwa das Land Niederösterreich und das Umweltbundesamt aufgefordert werden, die nötigen Unterlagen zu liefern und gegebenenfalls die Untersuchungen durchzuführen.


Der WUI ist das Wolkersdorfer Trinkwasser wichtig!
Geben Sie uns Ihre Stimme, damit wir wieder im Wasserverband unsere unabhängige Stimme einbringen können. Dies ist nur mit einer Stärke von vier Gemeinderatsmandaten möglich.




Christian Schreefel
Obmann der WUI, war als Stadtrat für Umwelt bisher
im Vorstand des Wasserverbands Wolkersdorf Pillichsdorf



Rainer Weißhaidinger
Stv. Obmann der WUI, Forscher und Experte





Pflege in Österreich 08-03-2019

Interview von David Esberger mit BIRGIT MEINHARD-SCHIEBEL Autor: Die Redaktion


Pflege in Österreich
Warum es so wichtig ist, sie zum Thema zu machen und die Frauen besonders betroffen sind.

Ein Interview
mit Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger

Es werden etwa 80% der pflegebedürftigen Menschen in Österreich zu Hause von Angehörigen gepflegt. Außerdem soll sich die Zahl der Menschen, die Pflege brauchen von derzeit 366.000 auf eine geschätzte Million im Jahr 2050 entwickeln. Die Bundesregierung hält sich im Moment bezüglich ihres Masterplans zur Pflege recht bedeckt und lässt konkrete Lösungen und Antworten auf die zukünftigen Herausforderungen offen. In diesem Artikel soll dem Thema der Pflege und insbesondere der pflegenden Angehörigen Aufmerksamkeit zukommen. Auch warum die Pflege Frauen im Besonderen trifft, wird Erwähnung finden. Da jede Person einmal betroffen sein kann, soll die Debatte über die Pflege ihren Beitrag zur Enttabuisierung leisten. Deshalb habe ich mich mit Frau Birgit Meinhard-Schiebel für ein Interview getroffen. Die gelernte Schauspielerin, ausgebildete Sozialmanagerin und Erwachsenenbildnerin ist Gemeinderätin für die Grünen in Wien und Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger.

Wie gestaltet sich der Alltag von pflegenden Angehörigen und was sind daraus resultierende Konsequenzen?
Das Institut für Pflegewissenschaften und Soziologie hat letztes Jahr erhoben, dass 947.000 Menschen in Österreich Angehörige pflegen und da kommen noch 42.700 Kinder hinzu. Die Tätigkeit wird als 24-Stunden-Job wahrgenommen und egal was du tust, es bleibt im Kopf, es ist kaum auszuschalten. 80% der Pflegenden sind Frauen. Mit vermindertem Stundenausmaß in der Erwerbsarbeit wird versucht, alles unter einem Hut zu bringen. Daraus resultierend ergeben sich oftmals niedrigere Pensionsleistungen. Erschöpfung und Krankheit sind weitere Konsequenzen. Es gibt vom Sozialministerium Unterstützungsangebote, die aber nicht wahrgenommen werden, da die Information fehlt. Als Beispiel kann die Pflegekarenz genannt werden, die letztes Jahr von 11.000 Personen in Anspruch genommen wurde. 11.000 von 947.000!! Hier gibt es einen Auftrag, an die betroffenen Menschen ranzukommen und Information zu geben.

Wie sieht die Arbeit der Interessensgemeinschaft aus und welche Forderungen vertritt sie an die Politik?
Der Verein besteht seit 2010 und hat Koordinator*innen in allen Bundesländern. Eine der Haupttätigkeiten ist die Beratung. Ansonsten gibt es momentan 7 bestimmte Forderungen:

1. Jährliche indexbezogene Valorisierung des Pflegegeldes

2. Kostenlose Beratung zu Pflege und Betreuung für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige

3. Ausbau leistbarer Pflege- und Betreuungsangebote

4. Ausbau und Flexibilisierung von Ersatzpflege

5. Unterstützung von Kindern und Jugendlichen als pflegende Angehörige
6. Verbesserung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
7. Pflegende Angehörige von an Demenz erkrankten Menschen unterstützen

Was weiß man über den „Masterplan Pflege" der Bundesregierung? Stichwort „Pflege daheim"
Bisher gibt es nur eine Absichtserklärung. Eines ist klar: Die Angehörigen sollen die Pflege übernehmen. Dahinter steht natürlich auch die Überlegung, dass dies die kostengünstigste Variante ist. Dieser Ansatz mag die niedrigsten Kosten für den Staat haben, aber die Angehörigen zahlen drauf. Außer der Absicht, 2 Studien in Auftrag zu geben, gibt es noch wenig Konkretes. Was wird diskutiert: Ich bin in die Entwicklung dieses Planes eingebunden und wir als Interessengemeinschaft positionieren uns gegen eine private Pflegeversicherung. Bisher ist die Pflege aus staatlichen Geldern finanziert, aber ein privates Pflegeversicherungssystem bringt die Gefahr einer Zweiklassenpflege und außerdem weiß man ja nicht, ob man jemals zurückbekommt, was man eingezahlt hat. Zusätzlich wollen wir das Vorhaben einer Pflegelehre nicht unterstützen. Es braucht eine bestimmte Reife, man kann 15-jährige nicht ans Pflegebett stellen. Auch den Ausbau des „Freiwilligen Sozialen Jahres" im Pflegebereich sehen wir kritisch, da nicht immer die günstigste auch die beste Lösung ist. Es darf auch nicht sein, dass folgendes Frauenbild gestärkt wird: Eh gut, wenn die Frauen zu Hause bleiben. Zuerst haben`s die Kinder, dann die Familienarbeit und dann auch gleich die Pflegearbeit.


Wie sehen die gegenwärtigen demographischen Entwicklungen in Österreich aus und welche Herausforderungen ergeben sich daraus für den Pflegebereich?

Auch wenn die Medizin sich sehr verbessert hat, steht diese ja nicht immer allen gleich zur Verfügung. Menschen werden immer älter und die demographische Hochrechnung macht auch Sorge, was macht man mit so vielen alten Menschen? Es gibt kein wirkliches Konzept. Keiner weiß, was es genau heißt, in diesem Land alt zu werden.

Laut Statistik Austria sind 2/3 der NutzerInnen mobiler Dienste bis annähernd ¾ bei stationären Diensten in Österreich Frauen. Bei den Pflegekräften ist der Frauenanteil noch höher: 92% bei den mobilen Diensten, 84% bei den stationären Diensten. Warum ist die Pflege ein Frauenthema?
Ich komme aus diesem Bereich und es hat schon immer geheißen: Bist du Frau, kannst du pflegen. Wir haben uns bemüht, ein neues Frauenbild zu etablieren und es hat nicht funktioniert, aber das wahre Problem ist die Einkommensungerechtigkeit. Würden Pflegeberufe und generell Berufe, in denen viele Frauen tätig sind, sich vom Gehalt her besser entwickeln, hätten Geschlechterrollen weniger Bedeutung. Viele Frauen verdienen im Laufe der Erwerbstätigkeit nicht genug, dann kommt noch ein Loch (Kinderbetreuung, Pflege, etc.) hinzu und ansparen konnte man ja auch nichts. Dann wartet oftmals die Altersarmut. Vom Anrechnen von Pflegezeiten steht im „Masterplan Pflege" noch nichts, aber es soll gefordert werden und auch eine Kampagne geben, die für mehr Wertschätzung für pflegende Angehörige wirbt. Wir sagen aber, dass Wertschätzung monetär sein muss, also finanziell gefördert. Die Möglichkeit sich als Pflegende*r weiterhin freiwillig zu versichern, reicht nicht aus und es muss hier mehr Geld investiert werden. Außerdem wissen viele nicht, dass es das gibt.

Auf der Donnerstagsdemo vor ein paar Wochen hat eine rumänische Pflegerin davon berichtet, dass sie am Weg nach Österreich im Bus in einem dubiosen All-In-Vertrag viel Geld und Rechte abgegeben hat. Wie prekär müssen Pfleger*innen aus dem Ausland arbeiten und leben?
Schrecklich! Es hat sich einiges gebessert durch Agenturen, die anders arbeiten und es soll auch bald ein Qualitätssiegel geben, aber das ist mir zu wenig. Die WKO ist hier gefordert, aber es geht nichts weiter. In der Realität dürfen Pflegekräfte ganz wenig und sind wirklich schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt. In der 24-Stunden-Pflege gibt es kein Arbeitszeitgesetz, das eingehalten werden kann. Wie soll das funktionieren? Die Verhältnisse sind also nicht nur in finanzieller Hinsicht prekär, sondern im großen Ganzen. Einige Agenturen arbeiten zwar gut, aber sie sind nun mal ein Betrieb, der Geld verdienen muss, wodurch aber die Pflegekräfte nicht mehr verdienen. In der Branche zählt oftmals niedriger Preis vor Qualität. Schön langsam regt sich von Seiten der Pfleger*innen Widerstand, aber mit welchem Recht? Die haben keine Rechte und keine Organisation, die hinter ihnen steht. Die Anstellung läuft über selbständiger Basis. In dem Bereich gibt es fast nur Frauen.

Da wir aus der Politik auf Gemeindeebene kommen, interessiert mich, was für kommunale Möglichkeiten es gibt, die Pflege mitzugestalten?
Zuerst braucht es im Krankenhaus ein gutes Entlassungsmanagement, welches hinaus in die Gemeinden getragen werden muss. Dort benötigt es eine Struktur mit kompetenten „Grätzlschwestern und -pflegern", die ein paar Familien gemeinsam betreuen und schauen, was es braucht. Auch Unterstützung bei der Pflege daheim, weil die Angehörigen keinen Kurs machen, weil die Zeit fehlt und es zu Hause ganz anders ausschaut. Das muss man vor Ort machen. Das kann man auf Gemeindeebene installieren. Es braucht kompetente Alltagsbetreuung, die die Bedürfnisse der Menschen genau herausfindet. Die Stadt Wien hat damit bereits begonnen. Im Krankenhaus fragt man: Was kommt nachher?

Eine persönliche Frage: Wenn es soweit kommt, wie willst du gepflegt werden?

Ich habe mich durch eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung abgesichert, damit im Fall der Fälle jemand berechtigt ist für mich einzutreten. Gut ist es, hier eine jüngere Person zu wählen. Ich habe das Glück, dass ich in einem Freundinnenkreis bin, der mir angeboten hat, mich zu pflegen, wenn der Fall eintreten sollte. Es gibt dafür ein Tür-an-Tür Wohnmodell, das barrierefrei zugängig ist. Ich rate allen Familien eine Art Konferenz abzuhalten, wo man sich zusammensetzt, um Eventualitäten der Zukunft zu besprechen und einen Plan zu erstellen. Viele Menschen wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Vorstellung, einmal pflegebedürftig zu sein. Es gibt ein vorherrschendes Tabu darüber in unserer Gesellschaft. Das gehört zum Leben nun mal dazu und ist kein Drama. Das Drama tritt aber ein, wenn ich mich nicht vorbereite.


Wir von der WUI
sehen Forderungen an die Bundesebene als wichtig an, aber wollen auch Aktivitäten in der Gemeinde betreiben. Die engagierte Arbeit der Caritas in diesem Bereich schätzen wir.
Informationen zu Pflegekarenz, freiwilliger Weiterversicherung bei voller Pflegetätigkeit und dem gesamten Angebotsnetz gehören verbreitet und zugänglich gemacht.
Neben der informellen Pflege durch Angehörige muss der Zugang zu mobilen Diensten, (teil)stationärer Pflege, tagesstrukturierender Pflege und alternativen Wohnformen bedingungslos möglich sein.

Es soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass solange die Gehälter der Frauen tendenziell niedriger sind, sie auch eher zur Pflege „auserwählt" werden und ihre Chancen für Altersarmut dadurch drastisch erhöht sind.
Die WUI will solche Ungerechtigkeiten ansprechen und handeln. Auch Wolkersdorf braucht eine Pflegeerhebung, um die Betroffenen zu unterstützen und um ein flächendeckendes Angebotsnetz in der Pflege zu installieren. Gerade alternative Wohnformen und Ideen können auf Gemeindeebene umgesetzt werden, also lasst uns endlich über Pflege reden.

https://www.help.gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/36/Seite.360524.html
https://www.ig-pflege.at/hintergrund/datenundfakten.php





Birgit Meinhard-Schiebel
Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger
office@ig-pflege.at



David Esberger
Sozialarbeiter aus Wolkersdorf
david.esberger@gmx.at






Inside BORNEO 04-03-2019

Bericht von Rainer Weißhaidinger Autor: Die Redaktion



Inside Borneo

Schon in meiner Kindheit war ich fasziniert von der Insel Borneo, den dortigen Regenwäldern und den Geschichten über ihre Ureinwohner und den Kopfjägern. Die Vorstellung Borneo einmal zu besuchen war aber zunächst nichts mehr als eine Träumerei. Mittlerweile arbeite ich seit 15 Jahren vor allem mit der ethnischen Gruppe der Penan gegen die Abholzung der Regenwälder, der Kartierung ihres traditionellen Landes und seit fünf Jahren an der Verbesserung der landwirtschaftlichen Praxis.



Borneo ist die drittgrößte Insel der Welt direkt am Äquator. Der größte Teil gehört zu Indonesien, ein kleiner Teil formt den Staat Brunei, zudem liegen die zwei größten malaysischen Bundesstaaten hier: Sarawak und Sabah. Der tropische Regenwald der Insel beherbergt einen enorm großen Reichtum an Tier- und Pflanzenarten – einen der größten weltweit, außerdem vielfältige indigene Volksgruppen. Alleine in Sarawak, das eineinhalbmal so groß ist wie Österreich, gibt es über 30 unterschiedliche Kulturen und Sprachen.

Die Penan leben im Nordosten Sarawaks.
Sie sind einer der letzten Jäger- und Sammlerkulturen auf Borneo wie auch weltweit. In den letzten Jahrzehnten wurden bis auf wenige Familien alle Gruppen sesshaft. Ursprünglich nutzten die Penan ausschließlich das Angebot des Waldes an Wild, Sago, Früchten und anderen Nahrungsmitteln. Aus dem stärkehaltigen Kern der Sagopalme gewinnen sie Stärke und Kohlehydrate. Sind an einem Standort die Sago- und Wildvorräte nach ein paar Wochen erschöpft, wird ein neues Waldgebiet aufgesucht. Für die Jagd verwenden die Penan Blasrohre, und mit dem gekochten Saft des Tajem-Baumes vergiftete Pfeile. In die Gemeinschaft aufgenommene Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden. Die Gemeinschaften der Penan sind weder hierarchisch strukturiert noch gibt es traditionell Unterschiede zwischen Mann und Frau. Natürliche Gegenstände betrachten die Penan als beseelt.


Zwischen 1955 und 1975 ließen sich die meisten Penan-Gemeinschaften im oberen Baram in Dörfern nieder - hauptsächlich als Folge der Missionsarbeit evangelikaler Kirchen. Die Missionare lehrten die Penan Lesen und Schreiben, den Bau von dauerhaften Behausungen und den Anbau von Hangreis. Der Reisbau ist angelehnt an jenen der benachbarten Stämme, die schon seit Jahrhunderten Brandrodungsfeldbau betreiben. Dabei wird jedes Jahr ein Stück Wald abgeholzt, abgebrannt und bebaut. Danach wächst der Wald wieder nach, und normalerweise wird er erst wieder nach 15 Jahren oder einem längeren Zeitraum genutzt. Jagen und Sammeln, der Wald als Quelle von Nahrungsmitteln, Tiere und Pflanzen spielen noch heute eine herausragende Rolle im täglichen Leben.




[1] Der Widerstand der Penan, unter anderem mit Blockaden von Holzfällerstraßen, haben die letzten Urwälder Sarawaks gerettet.
[2] Die nächste Katastrophe für die Menschen und Umwelt in Sarawak: Palmölplantagen soweit das Auge reicht.
[3] Abtransport von Holz aus dem fast komplett abgeholzten Baram-Gebiet: die goldene Zeit der Holzfäller ist längst vorbei.
[4] Wanderfeldbau der Indigenen – jedes Jahr wird ein Stück Wald für den Reisanbau abgeholzt und abgebrannt.
[5] Häuptling Selai Sela vom Peresek-Fluss überprüft die Giftpfeile während der Jagd.
[6] Frauen und Männer aus Long Gita kochen für sich und die Gäste – es gibt Reis in Bananenblättern, köstlichen Farn und Fleisch von zwei Affen.
[7] Das Einzugsgebiet des Tabau-Flusses ist eines der letzten Urwaldgebiete Sarawaks und soll den Penan nach, Teil eines größeren Naturparks werden.
[8] Häuptling Along Sega (†) – er führte eine der letzten nomadischen Sippen im Limbang an und war einer der großen Widersacher der Holzfäller.
[9] Die Gruppe von Long Tevenga – eine der der allerletzten Jäger-Sammler-Gruppen im Herzen Borneos. Fotos © Rainer Weißhaidinger




Bedroht ist die Lebensweise der Penan
– wie auch der anderen Indigenen – durch die Abholzung der Regenwälder, um billiges Holz zu gewinnen. Heute sind im Bundesstaat Sarawak kaum mehr 10 Prozent der Landesfläche unberührte Urwälder, 1980 nahmen sie noch über zwei Drittel ein. Dass es diese Urwälder vor allem im Nordosten des Landes noch gibt, ist hauptsächlich den Penan zu verdanken. Sie haben über drei Jahrzehnte hinweg friedlichen Widerstand gegen die Abholzung mittels Blockaden und Landrechtsklagen geleistet. Die mächtigen Gegenüber sind die politische Elite und große Holzkonzerne, die von der Abholzung massiv profitieren.

Berühmt wurde der Widerstand der Penan weltweit vor allem durch den Schweizer Umwelt- und Menschrechtsaktivisten Bruno Manser, der in den 1980erJahren sechs Jahre mit den Penan lebte und auf die Menschenrechts-/Umweltkatastrophe aufmerksam machte. Auf ihn wurde als eine für den Staat „unerwünschte Person“ ein Kopfgeld von 50.000 Dollar ausgesetzt. Im Jahr 2000 verschwand er spurlos auf einer seiner inoffiziellen Reisen in ­Sarawak. Die von ihm gegründete Schweizer NGO Bruno Manser Fonds unterstützt die Indigenen von Sarawak weiterhin und deckt die schmutzigen Geldflüsse und die massive Korruption im Zuge der Abholzung auf. Dadurch wissen wir heute, dass sich der vormalige Regierungschef von Sarawak nachweislich Werte und Besitztümer in der ganzen Welt im Ausmaß von rund 20 Milliarden Dollar verschaffen konnte. Das Hinterland Sarawaks blieb dagegen bis heute völlig unterentwickelt.

Nach der Abholzung des fast gesamten Bundesstaates zieht die nächste Katastrophe für Umwelt und indigene Gesellschaften heran: Plantagen für Ölpalmen und schnell wachsende Hölzer - ein Boom der bis heute zur Umwandlung von mehreren Millionen Hektar Land und Wäldern in Plantage nach sich zog. Doch die Penan geben nicht auf und wollen die letzten Urwälder im Oberlauf des Baram mittels eines Natur- und Kulturparks oder der Einrichtung eines Nationalparks schützen. Ihr Ziel ist es, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung selber in die Hand zu nehmen. Der Park würde eine Gebirgslandschaft im Herzen Borneos mit einer der weltweit höchsten Pflanzen- und Tiervielfalt und vier indigene Gruppen beheimaten.

Damit ihr eigener Brandrodungsfeldbau nicht zur Gefahr für den Urwald wird, haben wir in einem Projekt begonnen, nachhaltigere Landwirtschaftswege zu ergründen und die Anbaupraxis zu verbessern sowie die Eigenversorgung abzusichern. Ein besonderes Augenmerk besteht im Einbezug junge Dorfbewohner, um gemeinsam mit ihnen Einkommensalternativen zu entwickeln. Im Rahmen einer privat initiierten Doktorarbeit versuchen wir, den Reisanbau vor Ort wissenschaftlich genauer zu untersuchen, um nachhaltige Verbesserungen zu ermöglichen.


Wenn ich Ihr Interesse an Geschichten zu den Penan und Borneo geweckt habe,
dann möchte ich Sie gerne zum Vortrag am 4. März im Schloss Wolkersdorf einladen.
>> Der Vortrag ist offen für alle Interessierte (EINTRITT FREI!).




Rainer Weißhaidinger
lebt mit Partnerin und 2 Kindern in Obersdorf
rainer.weisshaidinger@gmx.net







Wir entscheiden Klima 03-03-2019

Erwin Mayer Autor: Die Redaktion



Wir entscheiden Klima


Aktuelle Studien der UNO-Klimawissenschaftler und des amerikanischen Forschungsteams PNAS haben bestätigt, dass maximal 1,5°C globale Erwärmung seit vorindustrieller Zeit (1850-1900) für die Erde noch einigermaßen verkraftbar sind. Dazu muss Österreich wie alle anderen Industrienationen bis 2040 komplett aus der Verbrennung fossiler Energieträger (Erdöl, Kohle und Erdgas und deren Umwandlungen wie Benzin, Diesel, Heizöl, Koks u.a.) ausgestiegen sein. 40 Jahre nach der Volksabstimmung zum Atomausstieg in Österreich fordert daher die überparteiliche Plattform „Wir entscheiden Klima“ diesen Fossilausstieg bis 2040.
Entscheiden sollte aber bei so wesentlichen Weichenstellungen in der Energie-, Verkehrs-, und Wirtschaftspolitik nicht die Politik, sondern erneut, wie schon am 5. November 1978, die Bevölkerung. Der Vorschlag für das Fossilausstiegsgesetz sollte von einem nach dem Zufallsprinzip zusammengesetzten und repräsentativen Bürgerrat kommen. Die Kombination dieser beiden Elemente von direkter Demokratie und Bürgerbeteiligung hat den Vorteil, dass Lobby- und Spezialinteressen zurückgedrängt werden können und dass die Politik sich bei einem mehrheitlichen Ja z.B. zu einer ökologischen Steuerreform, zu einem beschleunigten Ökostromausbau u.a. leichter tut, vermeintlich „unpopuläre“ Maßnahmen zu beschließen. Der Klimaschutz braucht keine Zwangsbeglückung gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung oder gar eine Ökodiktatur, wie sie manche Experten rund um Klimaschutzkonferenzen andenken, sondern nur die Möglichkeit, dass die Bevölkerung ihr Schicksal und das der nächsten 100 Generationen selbst entscheiden kann.


Wenn Sie mitmachen wollen oder/und das Anliegen unterstützen, dann gehen Sie auf www.wir-entscheiden-klima.at




Erwin Mayer
Klimapolitik- und Energieexperte
Sprecher der Initiative „Mehr Demokratie“





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